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Lot Vekemans
21 | GIFT. EINE EHEGESCHICHTE
Schauspiel. Deutsch von Eva Pieper und Alexandra Schmiedebach
Wiederaufnahme | Dienstag, 22. November 2016 | 20 Uhr
Vorstellungsdauer | 1 3/4 Std. | Keine Pause

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Ein Mann und eine Frau. ER und SIE. Nach mehr als zehn Jahren seiner Trennung trifft sich das Paar auf einem Friedhof. An dem Ort, wo das gemeinsame Kind begraben ist. Beide haben verschiedene Wege eingeschlagen, mit dem Tod ihres Kindes umzugehen. Er ist nach Frankreich gegangen, hat versucht, ein neues Leben zu beginnen, wird bald wieder Vater. Sie ist geblieben in dem gemeinsamen Haus, fühlt sich einsam in ihrer Trauer und kann den Gedanken an Veränderung nicht ertragen. Der Grund ihres Treffens ist ein Brief, in dem die Umbettung des gemeinsamen Kindes angekündigt wird, nachdem man auf dem Friedhof Gift im Boden
gefunden hat.

SIE und ER – ein Paar, das schon lange keines mehr ist, betrachtet sein eigenes umgebettete Leben, das an einem Silvesterabend sang- und klanglos auseinanderging. Was ist aus ihr, was aus ihm geworden? Was aus ihrer Trauer, aus ihrem Leben? Irgendwie schaffen sie es, miteinander zu reden. Auch in der heftigsten Auseinandersetzung gibt es noch Erinnerungen an Zärtlichkeit, Leichtigkeit, Komik . . .

Ein berührender Schlagabtausch zweier tief verletzter Seelen.

Lot Vekemans, geboren 1965 in den Niederlanden, schreibt seit 1995 Theaterstücke. 2010 wurde sie für GIF – so der Originaltitel – mit dem Taalunie Toneelschrijfprijs ausgezeichnet. Dieser Preis wird in den Niederlanden jährlich für das beste aufgeführte Stück der vergangenen Spielzeit vergeben.

Nach ALTE FREUNDE (CLOACA) von Maria Goos (2010) und DAS INTERVIEW von Theodor Holman/Theo van Gogh (2011) widmet sich Intendant Meinhard Zanger zum dritten Mal der niederländischen Dramatik.


Inszenierung & Bühne | Meinhard Zanger  
Kostüme | Alexandra Schröter


Mitwirkende | Anuk Ens [SIE] & Peter Kaghanovitch [ER]



GIFT. EINE EHEGESCHICHTE ist auch als eBook erschienen. Weitere Hinweise.



PRESSESTIMMEN

Für einen langen, sehr langen Moment herrscht Stille im Theatersaal. Der Mann und die Frau, die sich am Friedhof wiedergetroffen haben, auf dem ihr Sohn begraben liegt, haben es endlich geschafft, nach Jahren der Trennung Erinnerungen aufleben zu lassen: zunächst an Schönes, dann an die dramatische Nacht seines Weggangs und endlich an die letzten Stunden des sterbenden Kindes.

Sie (Anuk Ens) sitzt da und blickt ins Weite, lässt Bilder der Trauer aufsteigen, schweigt dann wieder – und sowohl er (Peter Kaghanovitch) als auch das Publikum teilt ihr bewegendes Schweigen. „Gift Eine Ehegeschichte“ [...] ist deutlich mehr, als es Titel und Untertitel suggerieren. [...] In der Ehegeschichte geht es nicht hauptsächlich um jenes verbale Gift, das Streitende versprühen, sondern um kontrastierende Arten der Trauer [...].

Borchert-Theater-Intendant Meinhard Zanger hat das Stück in einer stilisierenden Weise inszeniert, die dem von ihm erschaffenen Bühnenbild entspricht. [...] Dem Realismus huldigen nur Requisiten wie der Kaffeeautomat und die sprechenden Kostüme von Alexandra Schröter: Der äußerlich joviale, in einer neuen Familie in Frankreich gelandete Mann trifft auf die Frau im schwarzen Kostüm, die nach wie vor nicht erträgt, andere Menschen glücklich zu sehen. Regisseur Zanger vermeidet es aber über weite Strecken, sich nach bewährter Theatermanier miteinander fetzen zu lassen. Vielmehr verordnet er ihnen einen kunstvollen Duktus und führt sie in geometrischen Mustern zu- und gegeneinander. Umso stärker wirken ihre Ausbrüche: Anuk Ens verkörpert virtuos die Frau, die immer noch gewitzt parlieren, aber auch vor Hilflosigkeit die Fassung verlieren kann, und Peter Kaghanovitch durchbricht auch mal seine Fassade allgegenwärtiger Nettigkeit.

Zur Stilisierung gehören die Pieptöne, mit denen das Stück strukturiert wird und die an den Herzfrequenzmesser des sterbenden Kindes erinnern mögen. Die Frau, die zunächst mit dem Mann hadert, weil er seine Trauer in einem Buch verarbeiten will, entdeckt durch das konkrete Erinnern einen ungeahnten Aspekt des Trostes. [...] Die gebannt lauschenden Premierenbesucher im Borchert Theater honorierten es mit großem Beifall.
Westfälische Nachrichten, 25.9.2015

Am Grab des gemeinsamen Sohnes trifft Sie Ihn – ihren geschiedenen Mann, den Sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hergelockt hat. Der Friedhofsboden sei verseucht mit Schadstoffen, sodass ihr Sohn umgebettet werden muss. Gift eben. Aber eine ganz andere Art von Gift kommt in dem anderthalbstündigen Dialog zu Tage: ein schleichendes, das wegen der Unfähigkeit einer gemeinsamen Trauerbewältigung nicht nur jeden Einzelnen, sondern letztlich auch ihr gemeinsames Leben zerstört. […]

Meinhard Zanger inszeniert „Gift. Eine Ehegeschichte“ in einem von ihm selbst konzipierten Bild. Und das bildet das Rückgrat des Theaterabends. Neben einem Wasserspender und einem Kaffeeautomaten befinden sich nur noch eine Vielzahl weißer Hocker auf der Bühne. Und die sind ganz wunderbar geeignet, durch Verschieben und Versetzen Nähe, Annäherung oder Distanz zu vermitteln.

Anuk Ens entwickelt facettenreich den Charakter einer Frau, die in ihrer tiefen Trauer gefangen ist, sich nicht zu lösen vermag. Ihre Verbitterung legt sich ganz anfänglich erst am Schluss. Peter Kaghanovitch bleibt zurückhaltend, verlegen ob der Tatsache, dass er sich bereits ein neues Leben geschaffen hat, fast rührend täppisch bemüht, Ihr einen Ausweg zu zeigen – ein wohltuend stiller, leiser Abend im Wolfgang Borchert Theater.
theater:pur, 27.9.2015

[…] Anuk Ens überzeugt als von Trauer und Einsamkeit gekennzeichnete Frau , die sich nur langsam öffnet. Peter Kaghanovitch spielt ihren Gegenüber sensibel und bedacht, kann aber auch unvermittelt ausrasten – etwa wenn ihm suggeriert wird, er leide nicht am Tod des Jungen. […] Intensive Momente entstehen, wenn beide die letzten Minuten des Sohnes im Krankenhaus in Erinnerung rufen oder gemeinsam tanzen. 
Die Glocke, 26.9.2015

[...] Ein Ex-Paar, das mehr verloren hat als seine Liebe: Sie treffen sich auf dem Friedhof, auf dem ihre Kind beerdigt wurde.

Peter Kaghanovitch und Anuk Ens sind Er und Sie in „Gift“. Das Dialog-Stück der Niederländerin Lot Vekemans erzählt „Eine Ehegeschichte“, und am Wolfgang Borchert Theater in Münster konzentriert sich Regisseur Meinhard Zanger seine Inszenierung ganz auf den Text. Am Rand stehen ein Kaffeeautomat und Wasserspender, Dutzende weiße Hocker sind zu zwei Kreuzen gruppiert, dazwischen eine weiße Spielfläche wie ein Boxring. Hier ist ein Kampf zu erwarten. [...]

Toxisch sind hier vor allem die alten Feindseligkeiten, die sich nach gut zwanzig Minuten bei aller mühsam aufgebrachten Geduld nicht länger neutralisieren lassen. Kaghanovitch stattet Ihn zunächst mit eine offensichtlichen Konfliktvermeidungsstrategie aus: freundlich, betont sanfte Stimme, die seine Sätze immer irgendwie hell ausklingen lässt, bloß keine falsche Bewegung. [...] Aber auch Ens tippt den Sarkasmus der Frau zunächst nur an, schluckt ihre Vorwürfe runter. Sie schnappt noch nicht richtig zu, wird sich erst später verbeißen. Denn es gibt diesen Wettbewerb irgendwann, wer damals stärker gelitten hat, trauriger war, verzweifelter: „Wie oft denkst du an ihn?“ Er geht und kommt zurück, sie auch, sie schreien sich an und werden beinahe handgreiflich. Bis sie dann endlich doch reden und sich erinnern können. Zanger holt das Paar dafür runter vom Kampfplatz und setzt es weitestmöglich auseinander. Es gibt keine neue gemeinsame Basis, aber weniger Gift zwischen einander. Eine Art Versöhnung.

Vekemans‘ Stück ist ein trefflicher Dialog, der die Figuren ganz alltagsnah und präzise zeichnet, weshalb er auch sentimentale Momente trägt. Für sie ist die Zeit stehengeblieben, und das wirft sie ihm vor. Wieder glücklich zu sein, das ist nur vorstellbar in der Vergangenheit: „wie früher“. Ens‘ verwaiste Mutter ist dennoch eine starke, stabile Frau, für die Umgebung vermutlich unauffällig („Ich mache mit.“), allerdings unendlich traurig. Kaghanovitch lässt ihn gelassener wirken, ausgeglichen und sogar fähig zur Freundlichkeit, bis auch sein Gram sichtbar wird.
Westfälischer Anzeiger, 26.9.2015

[...] Er (Peter Kaghanovitch) hat den Tod des Kindes scheinbar überwunden. Sie (Anuk Ens) eher nicht. Und das nimmt sie ihm übel. Die Idee, dass man nach einem solchen Verlust sein Leben wieder in den Griff kriegen könnte, findet sie schlichtweg absurd. Er wiederum wirft ihr vor, dass sie sich in ihrer Trauer einrichte und diese wie eine Waffe gegen ihn benutze. Diese Diskussion bestimmt über weite Strecken die rund 100-minütige Inszenierung. In einer Szene platziert Regisseur Meinhard Zange die beiden Schauspieler jeweils am äußersten rechten und linken Bühnenrand, so dass der Blick des Zuschauers dem Schlagabtausch folgt wie beim Tennis. [...] Es gibt Probleme, die man nur gemeinsam lösen kann – das scheint Vekemans‘ Botschaft zu sein. Und den Darstellern gelingt es, diese Botschaft mithilfe treffsicherer Dialoge, subtiler Figurenzeichnung und einer aussagefähigen Choreographie spannend auf die Bühne zu bringen.
Gig, November 2015