Mit «Michael Kohlhaas» setzt das Wolfgang Borchert Theater Münster im Dezember das politische Motto dieser Spielzeit konsequent fort. «Zwischen Geistern und Flammen» lautet die programmatische Überschrift und genau in diesem Spannungsfeld hat
Tanja Weidner Heinrich von Kleists berühmte Novelle als explosiven Politthriller neu gefasst und als Regisseurin auf die Bühne gebracht. Ihre radikale Entscheidung: eine Ein-Personen-Version, die sich ganz und gar auf einen einzigen Darsteller verlässt.
Dieser trägt den Abend mit beeindruckender Wucht.
Gregor Eckert spielt Michael Kohlhaas mit einer körperlichen Intensität und sprachlichen Präsenz, die keinen Abstand erlaubt. Eckerts Auftritt kennt keine Kompromisse. Wortgewaltig, getrieben, zunehmend gewalttätig: Seine Argumente, seine Wut, seine Verzweiflung und seine Rachefantasien scheinen sich in jede Faser seines Körpers eingegraben zu haben. Was auf der Bühne geschieht, geht mit voller Kraft über die Rampe, direkt ins Publikum.
Der Zuschauerraum wird so zum Resonanzboden für die Erfahrung des Michael Kohlhaas. Die Aktualität der Geschichte ist dabei kaum zu übersehen. Unsere Gegenwart ist geprägt von schreienden Widersprüchen, schwer erträglichen Irrationalitäten und offensichtlichen Ungerechtigkeiten. Kaum jemand bleibt unberührt, kaum jemand blickt noch unbeschwert in die Zukunft. In dieser Stimmung trifft Kleists Stoff einen wunden Punkt und den Nerv der Zeit.
Michael Kohlhaas, der Pferdehändler, gerät mit seinen beiden prächtigen Rössern zwischen die Mühlsteine der Macht. Er will sie jenseits der Grenze gewinnbringend verkaufen, ein ehrbarer Geschäftsmann, gesetzestreu, unbescholten. Doch ein Akt der Willkür verweigert ihm den bis dahin gewohnten problemlosen Grenzübertritt und später sogar die Rückkehr in die Heimat.
Auf Geheiß des Junkers Wenzel von Tronka werden ihm die Pferde als Pfand abgenommen, angeblich für einen Passierschein, den es so gar nicht gibt. Als Michael Kohlhaas nach Sachsen reist, um die geforderten Papiere zu beschaffen, findet er bei seiner Rückkehr nur noch zwei abgemagerte, durch harte Arbeit ruinierte Tiere vor: Sie sind absolut wertlos.
Diese Existenz zwischen den Welten übersetzt das abstrakte Bühnenbild von
Annette Wolf eindrucksvoll. Ein Wirrwarr aus ineinander verschränkten großen und langen Metallleitern wird zur sichtbaren Metapher für Kohlhaas’ innere Verfassung und seine reale Lage. Eckert stößt sich an ihnen, erlebt sie als Schlagbäume und unüberwindbare Hindernisse, erklimmt sie in rasender Wut, als würde er wie ein Irrer buchstäblich die Wände hochlaufen. Im permanenten inneren Monolog, wechselnd zwischen verschiedenen Rollen, absolviert er eine echte Tour de Force.
Alle Versuche, Recht und Schadensersatz zu bekommen, scheitern an einer seelenlosen Obrigkeit. Was als Kampf um Gerechtigkeit beginnt, kippt in Rache und Selbstjustiz aus schierer Verzweiflung. Wie ein Berserker geht er mit seinem Schwert auf alle los, die sich ihm entgegenstellen.
Gregor Eckert spielt Michael Kohlhaas mit einer Intensität, die den Protagonisten zunehmend in die Nähe eines heutigen Wutbürgers rückt, eines Mannes, der sich im Furor zur Selbstjustiz ermächtigt. Michael Kohlhaas wird zum Terroristen, setzt Städte in Brand, sammelt bei öffentlichen Auftritten Parteigänger, heute würde man sagen: Follower, hinter sich. Der Protestzug wird zur realen Bedrohung für die Machthaber.
Am Ende mordet und brandschatzt Kohlhaas blindlings, wird erneut von den Machthabern getäuscht, verraten und schließlich als Bauernopfer hingerichtet, um den politischen Frieden zwischen Kurfürsten und Kaiser zu sichern. Weidner findet dafür ein starkes, bitteres Schlussbild: Als hingerichteter Geist hisst Kohlhaas seinen abgeschlagenen Kopf wie eine mahnende Flagge. Die Botschaft ist unmissverständlich und zutiefst verstörend: Widerstand ist zwecklos.
Gregor Eckert macht diesen Abend zu einem Ereignis, das lange nachhallt. Zumal die Inszenierung keine einfachen Antworten liefert, sondern die brandaktuelle Frage nach Widerstand und Gewalt offen ins Publikum zurückspielt. So unmittelbar, so mitreißend, so kompromisslos kann Theater sein. Unbedingt sehenswert!
[Westfalium]