«Nein zum Geld!» ist die neue Produktion am Wolfgang Borchert Theater in Münster: eine rabenschwarze, höchst witzige Gesellschaftssatire, die das Potenzial hat, zum Publikumsliebling und Kassenschlager der aktuellen Spielzeit zu werden. In der vergangenen Woche feierte das Stück seine Premiere mit langanhaltendem, tosendem Applaus und einer fulminant ausgespielten musikalischen Zugabe.
«Nein zum Geld!» handelt nicht nur von einem schier unglaublichen Glücksfall, die Aufführung ist selbst einer. In dieser Inszenierung greifen Text, Spiel und Ausstattung so ineinander, dass ein Abend entsteht, der leichtfüßig beginnt und zunehmend an Schärfe, Bitterkeit und Verzweiflung gewinnt. Der geschliffene Text der französischen Erfolgsautorin Flavia Coste liefert das Fundament,
Andrea Krauledat inszeniert mit einem exzellenten Gespür für Rhythmus, Pointen und eine gehörige Portion explosiver Dramatik, Tom Grasshof stattet Bühne und Kostüme bis ins Detail präzise und mit grandiosen Einfällen aus. Dazu kommt ein total inspiriertes Ensemble, das sichtbar Lust am Spiel hat und die Zuspitzung bis an ihre Grenzen treibt.
Inszeniert hat «Nein zum Geld!»
Andrea Krauledat – als Gast, denn eigentlich ist sie Intendantin am Mindener Theater. Im vergangenen Jahr hat sie bereits mit «
Kalter weißer Mann» eine gefeierte Komödie am Borchert Theater hingelegt. Ihr gelingt es in der neuen Inszenierung den französischen Charme des Stückes in eine rasante Screwball-Comedy zu übersetzen, bei der jede Pointe und jede noch so kleine Geste der Darsteller sitzt. Überragend
Katharina Hannappel, die sich mit der Rolle der Rose geradezu selber übertrifft und ihr komödiantisches Talent zeigt. Außerdem brilliert
Rosana Cleve als Ehefrau Claire und man ist heilfroh, dass sie nach einer halbjährigen Auszeit als Schauspielerin wieder ins Ensemble zurückgekehrt ist.
Im Mittelpunkt steht Richard Carré (
Florian Bender), ein erfolgloser Architekt mit verrückten Ideen, der seinen größten Coup ganz still und heimlich einfährt: sechs Richtige im Lotto, 162 Millionen Euro mit dem Hochzeitsdatum seiner Eltern. Ein Gewinn, der das Leben für ihn und seine kleine Familie auf einen Schlag verändern könnte. Doch Richard zögert. Statt Euphorie setzt er auf eine Bedenkzeit von zwei Monaten, in denen er prüft, was dieser Reichtum mit ihm, seiner Familie und seinem Umfeld anrichten könnte.
Beim gemeinsamen Abendessen eröffnet er schließlich seiner ach so begehrenswerten Frau Claire (
Rosana Cleve), seiner ziemlich überkandidelten Mutter Rose (
Katharina Hannappel) und seinem besten Freund Etienne (
Gregor Eckert), dass er den Gewinn nicht annehmen will. Seine Begründung ist ebenso schlicht wie provozierend: Er ist gänzlich zufrieden mit seinem Leben. Er fürchtet, dass Geld das fragile Gleichgewicht seines Lebens zerstören könnte. Was ist mit all den Neidern? Und denjenigen, die ihm vielleicht wegen seines Reichtums an die Wäsche wollen könnten?!
Was als sachliche Mitteilung seiner Entscheidung beginnt, kippt rasch und das Drama nimmt seinen Lauf. Die Reaktionen der anderen schwanken zwischen Unverständnis, Enttäuschung und offener Aggression.
Cleve zeigt Claire als Figur mit vielen Schattierungen: verführerisch, berechnend, verletzlich, dann wieder gnadenlos und eiskalt.
Hannappel verleiht der Mutter Rose eine bitter-ironische Härte, hinter der alte Verletzungen und ihre Sehnsucht nach Luxus und einem erotisch erfüllten Leben lauern. Ihre Dates enden fast immer enttäuschend, selbst wenn sie sich ordentlich herausputzt und aufbrezzelt.
Eckerts Etienne changiert zwischen kumpelhafter Loyalität und nacktem Eigeninteresse. Er will endlich Erfolg sehen und seine Kohle zurück, die er wegen unzähliger gescheiterter Projekte schon in die Firma gesteckt hat.
Krauledat treibt den Lauf des Abends konsequent in die Eskalation. Das Abendessen wird zum Tribunal, Argumente werden zu Waffen, Nähe schlägt in Bedrohung um. Claire, Rose und Etienne verbünden sich, um Richard nach der Devise zu überreden «Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt», schließlich geht es doch längst nicht mehr alleine um ihn. Die Zeit drängt: Um Mitternacht verfällt der Lottoschein. Die Aussicht auf den Verlust schürt Panik, Verzweiflung und schließlich auch nackte Gier.
Wenn das Geschehen ins Groteske kippt, fliegen die Fetzten. Das angekokelte Hähnchen wird mit dem Salat auf den Küchentisch gepfeffert. Das verzweifelte Essen wird zur Farce, die an Klassiker wie «Das große Fressen» oder Buñuels «Der diskrete Charme der Bourgeoisie» erinnern. Doch das Lachen bleibt nie unbeschwert. Die Anarchie steuert direkt auf eine Katastrophe hin. Hinter der Überzeichnung lauert permanent die Frage, wie dünn die Schicht der Zivilisation tatsächlich ist, wenn es um Geld geht.
Subtil und mit geradezu hinterfotzigem Humor stellt das Stück die Frage nach dem Wert des Geldes und nach seinem Preis. Ist der Gewinn ein Geschenk oder eine Bürde? Und was bleibt von Moral, Freundschaft und Liebe, wenn eine Zahl mit sechs und mehr Nullen im Raum steht? Hier geht es um 162 Millionen Euro!
Tatsächlich hegen die meisten von uns insgeheim den Traum, einmal stinkereich zu sein und sich alle kleinen und großen Wünsche erfüllen zu können. In Deutschland spielen deswegen derzeit rund sieben Millionen Menschen regelmäßig Lotto oder Toto, und etwa 21 Millionen beteiligen sich zumindest gelegentlich am Lottospiel. Und so mag es nicht verwundern, dass sich die Zuschauer während des Stückes immer wieder bei der Frage ertappen, wie sie selbst mit so einem absurd hohen Lottogewinn umgehen würden und ob auch sie in ähnlicher Situation in Versuchung geraten und zur Tat schreiten würden. «Ich wär so gerne Millionär. Dann wär mein Konto niemals leer. Ich wär so gerne Millionär. Millionenschwer. Ich wär so gerne Millionär. Geld, Geld, Geld…» singen die Prinzen.
Die musikalischen Einschübe durchbrechen geschickt den boulevardesken Fluss des Abends. Mit «Money makes the world go round» aus dem Musical «Cabaret» kommt das Stück auf den Kern des Problems. Denn: Geld verdirbt den Charakter, lässt Menschen kriminell werden, ermutig zu manchem Verbrechen – zu Betrug, gar Mord und Totschlag. Für kurze Momente verwandelt sich das Geschehen in eine Art Traumsequenz, fast märchenhaft, bunt, schrill und tatsächlich so verspielt wie ein Musical. Gerade diese Brüche verleihen der Inszenierung zusätzliche Tiefe und sorgen regelmäßig für spontanen Zwischenapplaus, zumal die vier Darsteller alles geben. Bravo für Gesang, Tanz und Choreographie!
«Nein zum Geld!» ist eine musikalische aufgedrehte und zugleich geistreiche Komödie. Das Stück garantiert einen unterhaltsamen Abend mit einigen Aperçus, Widerhaken und Impulsen zum Nachdenken. Er ist so heiter prickelig und anregend wie ein Glas Champagner. Unbedingt hingehen und sich köstlich unterhalten lassen!
[Westfalium]