Repertoire

NUR NACHTS

Sibylle Berg

Beziehungshorrorkomödie

Vorstellungsdauer | 1h30 | keine Pause
Premiere A | Donnerstag, 30. April 2026
Premiere B | Freitag, 01. Mai 2026
Inszenierung Tanja Weidner
Bühne Kostüme Annette Wolf
Dramaturgie Laura Ritter

Ein Neuanfang mit Mitte vierzig – ein romantischer Traum oder die pure Illusion? Petra und Peter, bald jenseits werberelevanter Zielgruppen, begegnen sich auf einer Party, magisch angezogen vom gemeinsamen Elend ihrer Durchschnittlichkeit und dem Gefühl, trotz guten Auskommens gescheitert zu sein. Sie wagen den Neustart, doch zwei Geister lassen ihnen keine Ruhe. Verquaste Romantik? Nein danke! Der Heiratsplan wird sabotiert. Sie graben alte Versprechen aus, schüren Ängste vor dem Altern, dem Versagen, der falschen Entscheidung, zum falschen Ort den falschen Partner zu wählen. Ist es nicht vielleicht doch klüger, auf die große, bedingungslose Liebe zu warten?

In surrealen Albtraumszenen seziert Sibylle Berg lustvoll die Erwartungen, Selbstzweifel und den Druck, immer das perfekte Leben führen zu müssen. Ein poetisches wie aberwitziges Drama über den Mut, sich dem eigenen Glück zu stellen. Berg ist eine der provokantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit bissigem Humor und einem leisen Hang zur Melancholie legt sie die Ängste, Träume und gesellschaftlichen Zwänge ihrer Figuren offen – schonungslos, berührend und immer mit einem Blick dafür, wie absurd unser Alltag manchmal ist.
Die Komposition der Musik ist von Sebastian Schnitzer.

Treffer!

Mit „Nur nachts“ bringt das Wolfgang Borchert Theater Münster die Beziehungshorrorkomödie von Sibylle Berg auf die Bühne und serviert einen Abend, der sich erst leicht gibt, komödiantisch, verspielt, schrill und dann zielsicher unter die Haut geht. Am vergangenen Donnerstag war die Premiere (30. April) mit großem Schlussapplaus, aber auch mit einer ungewohnten Stille am Schluss. Treffer! Das Stück hat gesessen. Regisseurin Tanja Weidner bleibt nah am Text, vertraut Sibylle Bergs scharfem Witz, ihrem sarkastischen Humor und ihrem unbestechlichen Blick auf die Lebenslügen und alltäglichen Zweifel. Sibylle Berg nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Nebenbemerkungen und ihre Charakterisierungen einer ganzen Generation entfalten ihre typisch subkutane Aggressivität. Gleichzeitig nutzt Tanja Weidner die Bühne für gezielte Übertreibungen. Das Bühnenbild von Annette Wolf liefert dafür den Raum: wandelbar, verspielt, mit Hang zum Schrillen – alleine das Neonlicht und das Spiel im Bällebad erweisen sich als sinnfälliger Glücksgriff. Der Plot von „Nur nachts“ mutet an wie ein soziologisches Experiment. Es ist, als wenn Forscher die Strippen ziehen, um den Lauf der Geschichte in Gang zu setzen, um hernach beobachten zu können, was geschieht. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles feinsäuberlich arrangiert. Im Labor stecken Petra (Ivana Langmajer) und Peter (Markus Hennes), Menschen Mitte vierzig, eingerichtet in einem Leben ohne Ausschläge und ohne Highlights. Er, Werbegestalter, etwas aus der Form geraten, routiniert im Stillstand. Abends eine Platte von Led Zeppelin und dazu das Feuilleton der ZEIT. Sie, abgeklärt, funktional, längst ohne große Erwartungen: Stillstand mit Mitte 45. Die beiden Protagonisten erscheinen so langweilig und so stinknormal, dass es einen im Publikum schon schaudert. Ihr Aufeinandertreffen auf einer Party wirkt wie ein letzter Versuch. Ein kurzer Rausch, ein paar Drinks, man wippt mit den Hüften im Rhythmus der Musik und plötzlich steht nach einer leidenschaftlichen Nacht die Idee im Raum: ein Neuanfang, Beziehung, Heirat, Romantik und Liebe. Vielleicht gar ein Kind. Und dann ein Umzug in eine Stadt, wo sie niemand kennt. Ein anderes, ein neues Leben winkt am Horizont, wo es doch immer weitergehen soll. Doch das eigentliche Drama beginnt nachts. Dann nämlich treten die Geister auf den Plan. Zwei schwarze Gestalten, gespielt – wunderbar quirlig und beweglich wie Flummibälle – von Katharina Hannappel und Florian Bender, die sich mit Lust und Bosheit in die Gedanken der beiden graben. Sie stecken in schwarzen Ganzkörpersuits. Zweifel, Ängste, Selbstgespräche werden sichtbar. Sie spielen Möglichkeiten durch: das Scheitern, das Altern, das falsche Leben mit dem falschen Partner. Sie zersetzen jede Hoffnung. Die beiden Opfer martern ihre Gehirne vor lauter Grübeleien. Gelenkt werden die beiden bösen Geistern von einem „Einsatzleiter“, den Niklas Kunder mit sichtbarer Spielfreude gibt als schriller Conférencier mit Haartolle und Ukulele, irgendwo zwischen Zirkus und Götz Alsmann. Ein Master of Desaster, der das Unglück ankündigt und zugleich antreibt. Er rollt mit seinem elektrobetriebenen Rollstuhl über die Bühne und verteilt als glitzernder Showmaster allerlei Boshaftigkeiten. Sibylle Bergs Text gönnt sich dazwischen einige hintergründige Reime, die zu musikalischen Einsprengseln überformt werden. Sie sind eigens als Schlager aufbereitet, die den Ton brechen und zugleich schärfen. Für Münster hat Sebastian Schnitzer eigene Kompositionen geschrieben. Ivana Langmajer und Niklas Kunder tragen sie mit feiner Ironie vor und setzen damit mehrere Pausen, die die Bitterkeit mitunter brechen oder auch weiter auf die Spitze treiben. Das Bühnenbild zu „Nur nachts“ verdichtet die Situation. Annette Wolf hat mitten auf der Bühne einen engen Kasten platziert, kaum größer als ein Schuhkarton. Er ist Sinnbild für die mickrige Wohnung, in der ein Sitzkissen den Mittepunkt bildet und es ist zugleich der Käfig und das Gefängnis der eigenen Befürchtungen und Lebensängste. Mit der Zeit füllt sich dieser Raum mit bunten Bällen. Erst verspielt, dann bedrängend. Es ist ein Bild für die Gedanken, die sich nicht mehr ordnen lassen und jeden Schritt mit Unsicherheit begleitet. Triggerwarnung: Dieser Abend trifft besonders jene, die sich aktuell mit Fragen nach all den verpassten Chancen, Beziehung, Alter und Sinn beschäftigen. Gerade in der Midlife-Crisis? Oder im letzten Lebensdrittel? Die gezeigten Zweifel und Ängste sind ganz nah dran. Sie setzen sich fest und sie wirken nach – vor allem nachts. Aber für solche Nachwirkungen und Alpträume wird keine Gewähr übernommen. Und dann dieses Ende. Nach all den verzweifelten Nächten, nach all den inneren Sabotageakten ein fast unscheinbarer Moment: Petra greift zum Telefon und fragt Peter, ob er am nächsten Tag wirklich mit dem Möbelwagen kommen wird. Eine einfache Frage und doch eine Entscheidung. Die Vorbehalte fallen. Das Abenteuer könnte jetzt endlich beginnen. Könnte! [Westfalium]
 

Witz und Tempo auf ganzer Länge

MÜNSTER. Wenn das Gedankenkarussel nachts Fahrt aufnimmt, kommen die nagenden Zweifel, die lähmenden Gedanken, die Träume, in denen das Hirn die eigenen Unsicherheiten ins Groteske aufbläht. Sibylle Berg hat daraus ein Stück gemacht: „Nur nachts“, inszeniert von Intendantin Tanja Weidner, hat jetzt am Wolfgang Borchert Theater Premiere gefeiert. Petra (Ivana Langmajer) und Peter (Markus Hennes) sind Mitte 40 und leben so vor sich hin – bis sie sich kennenlernen. Plötzlich ist da so etwas wie Lebensmut, sie wollen aufbrechen, in eine neue Stadt, ein neues Glück. Dummerweise ruft das die Gespenster (Katharina Hannappel und Florian Bender) auf den Plan. Und ihren Boss (Niclas Kunder), der im violetten ganzkörper-Morphsuit und Entertainer-Kostüm mit einem E-Mobil auf die Bühne gekurvt kommt. Sein Auftrag an die schwarz vermummten Widerlinge ist klar: Die aufblühende Glückseligkeit im Keim ersticken. Gesagt, getan. Die Gespenster dringen in die Privatsphäre der beiden ein, die sich als eine Mischung aus Käfig und Bällebad darstellt (Bühnenbild und Kostüme: Annette Wolf). Sie kramen Ängste und unliebsame Erinnerungen hervor, schüren Selbstzweifel, bauschen Erwartungen und Zukunftsängste auf. Was, wenn wir spät noch Kinder kriegen und sie nicht lieben können? Was, wenn Papa (stolzer Alt-Nazi) und Mama (stolze Nudistin) unweigerlich gebrechlich werden und zu uns ziehen müssen? Ziemlich schnell sieht es so aus, als würde der Plan, aus der zweiten Lebenshälfte noch was zu machen, krachend scheitern. Sibylle Berg kann vieles – nur keine Belanglosigkeiten. Sie stichelt da, wo es weh tut, scheut nicht das Groteske, umschifft stattdessen gängige Klischees und Gefälliges. Weidners Inszenierung geht in Witz und Tempo auf ganzer Länge mit dem Text mit. Dieser fordert in seiner Rasanz das gesamte Ensemble. Das ist aber bestens aufeinander eingestellt, so dass die Rechnung aufgeht. Es gibt Störeffekte, die sich ein wenig in die Länge ziehen. Wenn die Gespenster zu dröhnenden Elektro-Beats aus Peters neuer Sloterdijk-Lektüre rezitieren, wird zwar deutlich, dass auch intellektuelle Überhöhung dem Lebensglück schaden kann. Das versteht man entweder nach 20 Sekunden oder gar nicht. Im letzteren Fall schmeckt das dann eher nach einer philosophischen Einlassung, die das Stück gar nicht nötig hat. Dem Effekt tut das im Großen und Ganzen keinen Abbruch: Man muss nicht einsam oder bewusst unzufrieden mit seinem Leben sein, damit das Ganze seine Wirkung entfaltet. Und die ist vor allem im ersten Teil trotz Humor und schlagerhaften Musik-Nummern (Sebastian Schnitzer) bedrückend. Auch glücklich verheiratete Anfang-Dreißiger mit erfüllendem Beruf sind dagegen nicht immun, versprochen. Bergs Text hat seit seiner Veröffentlichung vor mehr als 15 Jahren keinen Staub angesetzt. Stattdessen ist er durch die sich stetig verschlimmernde Einsamkeitsepidemie noch aktueller geworden. Aber Peter und Petra haben eine Chance. Die Gespenster sind nämlich selbst alles andere als vorbildlich. Sie schludern, saufen, und wenn sie mal kurz nicht aufpassen, liest Peter zum Beispiel ein Gedicht vor, das er für Petra geschrieben hat. Petra teilt im Gegenzug ein Geheimnis mit ihm, und schon ist die Arbeit für die Unwesen erheblich schwieriger. Sie bleiben zwar hartnäckig, aber es gibt Hoffnung für das frisch verliebte Paar – und für die Zuschauer. Denn jeder, der das Alter überschritten hat, mit dem einem die eigene Sterblichkeit bewusst wird, sollte an diesem Abend etwas mitgenommen haben. Ob das reicht, die eigenen Gespenster auf Abstand zu halten? Das hat man selbst in der Hand. [Westfälische Nachrichten]
 

Bravourös geben Langmajer und Hennes die vom Druck des perfekten Lebens Gequälten.

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt.“ Das wäre ein Satz nach seinem Geschmack. Nur entspricht er leider nicht der Wahrheit. Peter (Markus Hennes) hat es sich in der Mittelmäßigkeit bequem gemacht, ebenso Petra (Ivana Langmajer). Ihr Plan zu heiraten, einen Neustart zu wagen, wird deshalb auch aufs Heftigste von Quälgeistern sabotiert, von lähmenden Ängsten und der Frage, ob nicht womöglich irgendwo ein noch besseres Leben wartet. „Nur nachts“ von Sibylle Berg wird nicht umsonst „Beziehungshorrorkomödie“ genannt. Tanja Weidner inszenierte den bissigen Spott über die Panik vor Veränderung jenseits der 40 für das Wolfgang Borchert Theater zwar in einer Art Ikea-Bällebad, das wird für das Paar, das sich auf einer Party kennengelernt hat, aber zu einem Kerker, aus dem es so schnell nicht herausfinden soll. Die Bälle – wie in einem Gedankenkarussell springen sie durch den Käfig – sind auch nicht knallbunt wie im Möbelhaus, sondern so farblos wie das Outfit der beiden Mittvierziger. Zu allem Elend lässt die Regie die kleinen Gedankenmonster im Laufe der Aufführung zu Gymnastikbällen und dann zu riesigen transparenten Hüllen mutieren, in denen die beiden dann herumirren. Jeder kennt sie – die Geister, die einen nachts heimsuchen, wenn man plant, sein Leben umzukrempeln. Im Borchert sind sie in schwarze Ganzkörperanzüge gesteckt. Selbst die Gesichter sind vermummt – was für Florian Bender und Katharina Hannappel über eineinhalb Stunden eine Tortur sein muss. Aber sie bewältigen das. Wenn sie sich auf leisen Sohlen an ihre Opfer heranpirschen und sie liebevoll umarmen, sind sie einem fast sympathisch. Die Bühne bleibt die ganze Zeit im Dunkeln, eine Schreckensvorstellung nach der anderen wird dem Zuschauer vorgeführt. Bender und Hannappel schlüpfen dabei selbst etwa in die Rolle der ätzenden Sprösslinge, selbstverständlich gleich zwei, die Peter und Petra nach der Hochzeit noch in die Welt setzen („Kinder, aus denen immer was rausläuft“). Oder sie verfolgen das Paar im Urlaub als Eltern mit Hang zu nerviger Schlagermusik. Witzig wird es, wenn sich die Geister gegenseitig „Mach was“ zuraunen, als es im Traum mal zu harmonisch zugeht. Bravourös geben Langmajer und Hennes die vom Druck des perfekten Lebens Gequälten. Sie füllen ihre Rollen mit inbrünstiger Kraftlosigkeit, sehen einfach immer nur fertig aus. Wenn Petra („Autos haben mich überfahren, ohne es zu registrieren“) oder Peter („Einer von uns wird als Erster gehen, der hat dann Glück gehabt“) ihrer Mutlosigkeit freien Lauf lassen, darf auch gelacht werden. Niclas Kunder gibt, in einen Rollstuhl verfrachtet, den souveränen „Oberaufseher“ für die beiden Geister. Seine Gesangseinlagen wirken in dem zynischen Stück etwas fehl am Platz. Als dann doch Hoffnung bei dem Paar aufkommt, das künftige Leben irgendwie zu packen, darf der „Obergeist“ den Sack aber zumachen: „Warten wir ab. Am Ende kriegen wir sie alle.“ [Die Glocke]
 

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