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Arna Aley
15 | DAS NEUE JERUSALEM (UA)
Schauspiel. Uraufführung. Auftragswerk zum 500. Reformationsjubiläum
Wiederaufnahme | Samstag, 30. September 2017
Vorstellungsdauer | 2h 20 Min.

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1534 predigt in Münster der weitgereiste Schneider, Kaufmann, Gastwirt, Meistersinger und Schauspieler Jan Beuckelsson, besser bekannt als Jan van Leiden, ein Täufer, zu dem Katholiken wie Protestanten in Scharen überlaufen – vor allem Frauen. Anders als die Lutheraner fordern sie eine radikale Umkehr zur Gütergemeinschaft. Ab Februar 1534 erscheint der niederländische Prediger Jan Mathys in der Stadt und ernennt Münster zum "Neuen Jerusalem". Der katholische Landesherr Bischof Franz von Waldeck ordnet die Belagerung der Stadt an. Es entbrennt ein blutiger Machtkampf zwischen Täufern, Kirche, Adel und Bürgern. Als Jan Mathys getötet wird, steigt Jan van Leiden zum "König" auf. Ab jetzt dürfen Männer mehrere Frauen heiraten. Und über alle privaten Interessen wird die Gemeinschaft der Gläubigen gestellt. Doch in der apokalyptischen Situation mit den Kriegsknechten vor den Toren der Stadt greift Jan van Leiden zu immer drastischeren Mitteln, bis die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist . . .

Menschen in krisengeschüttelten Zeiten zwischen Utopie und Fanatismus. Ein lebendiges Stück Münsteraner Stadtgeschichte – zum Reformationsjubiläum neu erzählt.

Das WBT vergibt hierzu ein Auftragswerk an die in Berlin lebende litauische Autorin Arna Aley, die bereits 2014 das Auftragswerk Die letzte Soirée über Alfred Flechtheim verfasste. Sie erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der 1. Preis des Dramenwettbewerbs Stückwerk II in Leipzig und die Einladung zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Seit 2012 arbeitet sie als freischaffende Kuratorin bei Stone Nest Project (Centre of Contemporary Arts) in London. Derzeit lebt Arna Aley als freie Autorin, Regisseurin, Cutterin und Übersetzerin in Berlin.


Inszenierung  | Meinhard Zanger
Bühne & Kostüme | Darko Petrovic

Mitwirkende | Florian Bender | Rosana Cleve |  Thekla Viloo Fliesberg | Heiko Grosche | Sven Heiß | Elena Hollender | Monika Hess-Zanger | Raphaela Kiczka | Johannes Langer | Jürgen Lorenzen | Bastian Müller | Moritz Otto | Tatiana Poloczek | Alina Rhode | Jannike Schubert | Tobias Schwieger | Hannah Sieh | Alice Zikeli



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PRESSESTIMMEN
Da die Täuferstory und vor allem ihr blutiges Ende hinreichned bekannt sind, beschränkte sich Arna Aley in ihrem gleichnamigen Stück auf die Machtverschiebung in den 1530er Jahren, in denen sich eine beispielhafte Entwicklungsgeschichte vom Gutgemeinten hin zu Radikalisierung, Anarchie und schließloch zum Zusammenbruch vollzieht. In der WBT-Inszenierung schlägt sich Aleys pädagogische Interpretation der Täufergeschichte in starken und zarten Bildern nieder. Den differenziert gezeichneten Hauptcharakteren um den charismatischen Täuferkönig Jan van Leiden (Florian Bende), Divara (erotisch: Jannike Schubert), Rothmann (Sven Heiß), Knipperdolling (Jürgen Lorenzen – hat später einen verzweifelt-grotesken Solo-Auftritt) u.a. steht ein Chor aus acht Schauspieleleven vom Kölner Theater der Keller zur Seite, die zum Teil weiß maskiert das bedauernswerte, weil leicht verführbare Volk repräsentieren. Darko Petrovics Bühnenbild mit Gazevorhängen und hologrammartig aufscheinenden Visionen, ein gutes Lichtkonzept (Hermenegild Fietz), Samuel Barbers Agnus Die sowie ein behutsam eingesetzter sphärischer Glockenton tun ihr übriges, um die bekannte Stadtgeschichte, die bei Arna Aley vor der spaktakulären Niederschlagung endet, als dunkles Sittenbild der Münsteraner Belagerungszeit um 1535 atmosphärisch aufladen. Und die Rahmenhandlung um Bischof Franz von Waldeck (herrlich: Monika Hess-Zanger mit Mitra, Glitzerring und Rotweinflasche) und dessen stets an einem tönernen Golem bastelnden Bischofssohn erweist sich letztlich als gelungene Klammer, die Aleys Stück genial zusammenhält. Diese Geschichte um Das Neue Jerusalem bleibt haften!
Ultimo, 29.5.-11.6.2017

„Das neue Jerusalem“ als Auftragswerk an die in Berlin lebende litauische Autorin Arna Aley vergeben, betont dann aber auch weniger die Ideen der radikal-reformatorischen Täufer denn die psychologischen Hintergründe von Einfluss und Machtmissbrauch. […]
Überzeugend wird das Machtgebaren dargestellt: Während es sich van Leiden mit seinen Leuten an der reichlich gedeckten Tafel gutgehen lassen, kriecht das Volk darbend um den Tisch. Denn der katholische Landesherr, Bischof von Waldeck, hat die Stadt belagert. Eine tolle Monika Hess-Zanger in goldenem Gewand und Mitra pöbelt vom Thron aus gegen Gott und die Welt, ergötzt sich ebenfalls an schönen Frauen und nickt laut schnarchend immer wieder ein.
Die Glocke, 20.5.2017

Franz von Waldeck, Bischof und Landesherr, sitzt stock-steif im vollen Ornat vor den Toren der Stadt und langweilt sich offenbar zu Tode. Monika Hess-Zanger verkörpert den grantelnden Fürstbischof in unübertrefflicher Weise. Die Rolle scheint ihr auf den Leib geschrieben. Sie thront selbstgefällig und selbstherrlich auf einem prächtigen Sessel und schlummert immer wieder laut schnarchend ein, um dann erneut mit durchdringender Stimme loszupoltern. […]
An der Geschichte der Täufer sind in den vergangenen Jahrhunderten verschiedene Exempel statuiert worden. „Das neue Jerusalem“ ist von Intendant Meinhard Zanger beinahe zeitlos inszeniert – aus gutem Grund. [...]
Das moderne, abstrakte Bühnenbild und das Spiel auf verschiedenen Ebenen erlaubt es, das Drama als eine Parabel zu lesen. Darko Petrovic hat auf der Bühne eine Art Amphitheater errichtet. Im Mittelpunkt erscheint auf einer kleinen Drehbühne der Thron des Königs. Mit durchsichtigen Vorhängen wechseln die Szenen, werden neue Spielorte angedeutet. Aus dem Hintergrund werden göttliche Offenbarungen und Prophezeiungen eingespielt, im Scheinwerferlicht erscheint dafür wie im Nebel das Gesicht Jesus. Die Geschichte der Täufer entpuppt sich als ein Lehrstück, das ohne große Verdrehungen auch auf unsere Zeit anzuwenden ist. In der Rolle des Königs könnten sich auch Diktatoren wie Hitler, selbstherrliche Herrscher wie Erdoğan, Trump oder andere gefallen. In der Rolle des Volkes: all jene, die den aktuellen Populisten hinterherlaufen und ihr Gehirn am Eingang ablegen. Mitunter wird man bei der radikalen Gesellschaft der Täufer auch an den Islamischen Staat erinnert. Gewalt bestimmt den Zusammenhalt. Mit Mord wird jedes Fehlverhalten sanktioniert. Es rollen die Köpfe.
Westfalium, 22.5.2017

Und das schafft Zanger, indem er auf viel Bewegung setzt. Er nutzt das personenintensive Stück, um überall auf der Bühne stets Leben zu inszenieren. So gelingt es ihm, Augen und Aufmerksamkeit des Publikums wach zu halten über diese sehr lang werdenden zwei Stunden und vierzig Minuten. Zanger kreiert Massen, die maskenbewehrt das anonyme, leidende Volk symbolisieren, lässt sie als Unterdrückte über die Bühne robben. Bilder für unten und oben sind allgegenwärtig.
Theater pur, 22.5.2017

Eher ein Lehrstück als ein Spektakel ist „Das neue Jerusalem“, es zeigt, wie Verführung und Machtergreifung funktionieren, wie sich religiöse und politische Überzeugungstäter eines charismatischen Menschen bedienen, der die Massen sektengleich in den Bann schlägt. […]
Regisseur Meinhard Zanger wagt daher einen Spagat: dem pädagogischen Sinn der Sache gerecht zu werden und zugleich sinnliches Augen- und Ohrenfutter zu bieten. Die Bischofsszenen zu Beginn beider Teile kommen ihm gerade recht: Monika Hess-Zanger, vor dem roten Vorhang thronend, gibt da einen selbstherrlichen Kirchenmann, der seine Anwürfe auch gegen Gott schleudert und an der Rotweinflasche Halt sucht, bevor er wieder einnickt.
Darko Petrovics Bühne dahinter zeigt eine variabel bespielbare Arena mit Brecht-Gardine, in deren Halbrund sich gerade so viel Kostüm und Szene findet wie nötig. Das Volk ist ein achtköpfiger Chor mit zeitweiligen Masken, verkörpert von Darstellern der Schauspielschule „der Keller“. Neben solch distanzierenden Stilmitteln findet sich aber auch satte Dramatik, vor allem in der Rolle des Jan van Leiden: Dem bewährten Borchert-Helden Florian Bender nimmt man sowohl die charmante Beredsamkeit als auch die Rücksichtslosigkeit ab. Differierend sind die anderen Täufer gezeichnet.
So wirkt der Rothmann des Sven Heiß als geradliniger Charakter, der kaum merkt, was er anrichtet, während Knipperdolling als Übertölpelter am Ende nur schäumen kann: eine große Szene für Jürgen Lorenzen. Für die Gestaltung der Divara, gespielt von Jannike Schubert, setzt Regisseur Zanger ebenso bewusst auf Exotik-Klischees wie bei der Musik auf Anachronismen. Bei der Doppel-Verführung Divaras und ihrer Schwester (Hannah Sieh) sorgen die raffinierte Lichtregie und Samuel Barbers Klänge für bezwingende Atmosphäre. Das krasse Gegenteil ist die vorletzte Szene: Während die Täufer-Clique tafelt, kriechen rattengleiche Gestalten um sie herum. Das Ende naht.
Großer Applaus für ein Münster-Stück, das über den regionalen Bezug weit hinausweist.
WN, 20.5.2017

Arna Aleys Auftragswerk „Das neue Jerusalem“ wirft einen satirischen Blick auf die finstere Historie. Unter der Regie von Theater-Intendant Meinhard Zanger kommt ein zeitloses Drama um religiösen Extremismus auf die Bühne.
Darko Petrovics Bühne mit den halbrunden, hellen Treppen sieht aus wie eine Arena aus dem alten Griechenland, die Kulisse birgt Ornamente von Münsters Rathaus. Van Leidens Wiedertäufer-Gemeinde, die bald eingekesselt und hungernd vor sich hinvegetiert, weckt schon rein optisch Assoziationen an eine Sekte: sämtliche Figuren sind weiß geschminkt oder verbergen sich hinter Masken und tragen schlichte, weiße Einheitskleidung. Die Führungsriege um den Täuferkönig tritt in schwarzen Anzügen auf, die nur in Details mittelalterlich wirken. Um individuelle Charakterzeichnung scheint es Zanger in seiner Inszenierung kaum zu gehen. […]
Mal wirkt das Drama wie ein Splatter-Movie, mal werden Bücher verbrannt wie zur NS-Zeit. Wenn vom „heiligen Krieg“ die Rede ist, steht plötzlich der IS im Raum.
Nach der Pause setzt sich mehr und mehr die Satire durch. Auf sexuelle Orgien, Völlerei und Gaukelspiel hätte man zugunsten psychologischer Figurenzeichnung gerne verzichtet. Florian Bender kann als charismatische Führerfigur nur bedingt überzeugen, Jürgen Lorenzen, alias Bernd Knipperdolling, lässt sich vom Schwert seines Führers allzu schnell einschüchtern. Prägnanter wirken Figuren wie Schmied Mollenheck (Heiko Grosche) oder Elisabeth (Hannah Sieh), die den Aufstand wagen, wenn sie Mitmenschlichkeit und Liebe in den Blickpunkt rücken. Großartig ist Monika Hess-Zanger als Bischof Franz von Waldeck, wenn sie gegen Gott und Gemeinde ätzt, während neben ihr auf dem Boden Vergewaltigungsopfer Anna (überzeugend: Alice Zikeli) autistisch hin und her schaukelt. Doppel-Moral und Klischees rund um das Kirchenoberhaupt sind hier derart übersteigert dargestellt, dass es schon wieder komisch wirkt. Gelungene Effekte und atmosphärisch dichte Bilder verleihen dem Theaterabend trotz seiner schweren Thematik etwas Unterhaltsames, und das ist auch eine Kunst.
Die deutsche Bühne, 19.5.2017

Stärke bringen vor allem die Frauen ein: Insbesondere Jannike Schubert als Prophetin und erste Geliebte des Täufer-Königs Jan van Leiden, Monika Hess-Zanger als Bischof und Alice Zikeli als vom Bischof geschwängerte Anne sorgen für bleibenden Eindruck.
So verhandelt "Das neue Jerusalem" ohne jede Oberlehrer-Geste das weiterhin aktuelle Verhältnis von Religion und Politik.
Nachtkritik, 19.5.2017