«Gespenster» von Hendrik Ibsen am WBT Münster
Mit «Gespenster» bringt das Wolfgang Borchert Theater Münster die beklemmende Familiensaga von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1881 auf die Bühne. Die Inszenierung des Gastregisseurs
Björn Gabriel und die Video- und Klangwelt von
Jan van Putten (im vergangenen Jahr bereits mit «Manhattan» am Borchert Theater) verwandeln das Stück in eine düstere und ganz zeitgemäße Allegorie über Lüge, Moral und verdrängte Schuld. Es entsteht ein intensives Sittengemälde über eine Gesellschaft, die ihre Wahrheiten lieber begräbt als ausspricht und bearbeitet. Die Inszenierung von «Gespenster» hatte gerade erst ihre gefeierte Premiere.
Schon nach wenigen Minuten wird klar: Diese Gespenster verstecken sich nicht unter weißen Tüchern. Diese Dämonen sitzen im Kopf, in den Lügen, Verfehlungen und Verdrängungen, die die Protagonisten über Generationen verfolgen. Sie haben sich längst als tiefe, sichtbare Narben in die Gesichter gezeichnet. Die Wahrheit wird unter den Teppich gekehrt, bis sie eines Tages als Lebenslüge zurückkehrt und ihre zerstörerische Kraft entfaltet. Die Verdrängung wird zum Sprengsatz.
Das Ensemble des Borchert Theaters ist bei «Gespenster» einmal mehr in Bestform. Kraftvoll und hochkonzentriert füllen
Ivana Langmajer,
Niclas Kunder,
Florian Bender,
Gregor Eckert und
Katharina Hannappel ihre Rollen. Es entstehen Momente, in denen einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht.
Der Abend beginnt mit einem leisen Auftritt, in einer Art Salon in einem Landhaus irgendwo an einem norwegischen Fjord. Ort und Zeit bleiben bewusst offen. In einer Ecke schlummert ein Kronleuchter – er hat schon bessere Tage erlebt. Das passt zu diesem Stück, das weniger eine dramatische Geschichte erzählt als eine vielschichtige Projektionsfläche für eigene Fragen und Erfahrungen bietet.
Anna Marienfeld hat die Darsteller in zeitlose Phantasiekostüme gesteckt. Helle, mondäne Pelzmäntel dominieren das Bild. Darunter weiße Kleider und Gewänder, bei Pastor Manders eine reinweiße Soutane. Reinheit als Pose. Die bürgerliche Moral erscheint als sorgfältig arrangierte Oberfläche. Die Frauen tragen Bustiers, Korsagen, kurze Röcke und hohe Stiefel. Ihr Auftritt ist verführerisch und selbstbewusst, voller unverhohlener Erotik.
Gerade
Ivana Langmajer nutzt diese Kostümsprache grandios. Ihre Helene Alving wirkt mondän, kontrolliert, fast kühl. Sie ist eine Frau, die gelernt hat Haltung und Contenance zu bewahren, koste es was es wolle. Doch hinter dieser Fassade brodelt ein erotischer Vulkan. Ivana Langmajer spielt mit großer Präzision. Jeder Blick und jede Geste sitzen. Im Gespräch mit dem Pastor werden Pausen zu knisternden Spannungsfeldern. Ihr laszives Übereinanderschlagen der Beine erinnert unübersehbar an den Film «Basic Instinct».
Die Blicke zwischen Pastor und Helene oszillieren zwischen Kälte und Verführung. Plötzlich steht da nicht mehr die souveräne Gastgeberin, sondern eine Frau, die seit Jahren gegen eine Wahrheit und ihre Gefühle ankämpft. Einst hätte sie am liebsten ihren Mann, der sie permanent betrog verlassen und wäre in die Arme des Pastors und früheren Freundes geflohen.
Im Zentrum des Abends steht
Niclas Kunder als Sohn Osvald Alving. Er spielt den Heimkehrer aus Paris, aber keineswegs als romantischen Künstler, sondern als ein innerlich erschöpfter und ausgebrannter Mann. Sein Körper wirkt angespannt als müsse er gegen etwas Unsichtbares ankämpfen. Wenn er von der Angst vor geistigem Verfall spricht, ahnt man sein Schicksal. Anfälle, Umnachtung, Demenz. Zeichen eines schrecklichen Erbes. Erst spät erfährt er die Wahrheit: Er ist der Sohn eines notorischen Fremdgängers, der ihm vermutlich auch die Syphilis vererbt hat.
Florian Bender gestaltet die Figur des Pastor Manders als Moralapostel, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Hinter seiner steifen Ernsthaftigkeit steckt ein Mann, der mit eigener Verunsicherung und seinen Leidenschaften ringt. Florian Bender spielt diese Mischung aus Selbstgerechtigkeit und unterdrücktem Begehren mit feinen Nuancen.
Katharina Hannappel bringt als Hausmädchen Regine eine sprühende Energie auf die Bühne. Lebenslust, Erotik, Aufbruch. Man spürt sofort, dass diese junge Frau diesem Geisterhaus entkommen will, wo sie nurmehr gelitten wird. Ihr Traum von einem anderen Leben blitzt kurz auf, bevor er brutal zerbricht.
Sie wirft sich Osvald an den Hals und hofft auf eine gemeinsame Zukunft. Doch dann erfährt sie die Wahrheit: Sie ist nicht die Tochter des Schreiners Engstrand, sondern das uneheliche Kind des verstorbenen Hausherrn – und damit Osvalds Halbschwester.
Gregor Eckert macht Engstrand zu einer schillernden Figur am Rand der bürgerlichen Welt. Ein Mann, der genau weiß, wie Moral funktioniert und wie man sie für eigene Zwecke nutzt. Alkoholiker, Frauenheld, Zyniker – ein Wiedergänger des toten Hausherrn.
Helene Alving bereitet die Einweihung eines Kinderheims vor. Es soll als Denkmal für ihren verstorbenen Mann dienen. Ein moralisches Faustpfand, mit dem sie das Erbe ihres Mannes reinwaschen will, um es zugleich ihrem Sohn Osvald vorzuenthalten. Denn der soll nur von ihr erben. Doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Ehe voller Lügen, Alkohol und Untreue. Sie hat über Jahre die treusorgende Ehefrau gespielt, obwohl sie um seine sexuellen Eskapaden wusste, die selbst mit der Haushälterin unter ihrem Dach stattfanden.
Als Osvald in das elterliche Anwesen zurückkehrt, beginnt das Gebäude aus Schweigen zu bröckeln. Wahrheiten drängen an die Oberfläche. Beziehungen entlarven sich. Schließlich steht alles in Flammen. Während draußen das Kinderheim brennt, zerfällt im Inneren die ganze Familiengeschichte.
«Wir müssen für die Sünden unserer Vorfahren büßen», sagt Osvald einmal. Der Satz trifft den Kern des Stücks. Am Ende erleidet er einen schweren Anfall. Seine Mutter hält ihn im Arm und muss schließlich das Versprechen einlösen, das sie ihm gegeben hat. Sie verabreicht ihm die Morphiumkapseln, mit denen er schon im Wahn versunken seinen betreuten Suizid begeht.
Als Ibsen «Gespenster» schrieb, löste das Drama einen Skandal aus. Themen wie Inzest, Geschlechtskrankheit und Sterbehilfe galten in Norwegen als nicht aufführbar. Die Uraufführung fand 1882 in Chicago statt.
Heute wirkt der Stoff erschreckend modern. Noch immer verdrängen Familien die Gespenster ihrer Vergangenheit. Noch immer zerstört Schweigen ganze Lebensgeschichten. Die Epigenetik belegt inzwischen wissenschaftlich, wie stark die erlebte Geschichte, vor allem aber die Verbrechen und moralischen Verfehlungen unserer Eltern und Großeltern in uns weiterwirken.
Regisseur
Björn Gabriel und Videokünstler
Jan van Putten verstärken das Bühnengeschehen mit einer Bildsprache, die ungewöhnlich nah an die Figuren heranrückt. Drei versteckte Kameras verfolgen die Darsteller – selbst ins Off hinter der Bühne. Gesichter erscheinen riesig auf Projektionsflächen. Jede Regung der Protagonisten wird mit filmischen Mitteln, im Schuss und Gegenschuss, in Großaufnahmen und im Perspektivwechsel eingefangen. Die Projektionen kontrastieren das Bühnengeschehen.
Die Projektionen sind indes keine technische Spielerei. Sie werden zu einem eigenen Mitwirkenden und Darsteller. Theater und Film verschmelzen zu einem neuen Medium. Der Zuschauer sitzt mitten im emotionalen Nahbereich der Figuren. Gerade diese Nähe verleiht dem Abend seine enorme Wucht.
«Gespenster» am Borchert Theater ist – um im Bild zu bleiben – großes Kino und zugleich eine intensive, klug angerichtete und zutiefst verstörende Theaterarbeit, deren Wirkung lange nachhallt. Sehenswert!
[Westfalium]